Was bedeutet es „echt“ sein zu dürfen in einer Gesellschaft, in der bestimmte Menschen häufig unsichtbar sind?
Für viele Frauen*, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind, ist es eine tägliche Herausforderung, sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, die sie oft nicht wirklich sieht. Viele von ihnen leben unter prekären Bedingungen, sind von Gewalt betroffen oder haben kaum Zugang zu stabilen Unterstützungsangeboten.
In ihrem Alltag bleibt wenig Raum für Sicherheit, Vertrauen oder Selbstbestimmung. Gerade vor diesem Hintergrund sind Orte wichtig, die einen verlässlichen Schutzraum bieten. Der Frauen*treff Sophie ist so ein Ort. Zudem bekommen die Frauen* hier Essen, Sozialberatung und haben die Möglichkeit zu waschen und zu duschen.
Seit Oktober 2024 kann der Frauen*treff dank der Förderung durch die „Aktion Mensch“ seine Öffnungszeiten um einen Tag erweitern. Hier findet nun jeden Freitag ein festes Gruppenangebot statt, wobei die Themen vielfältig sind und sich an den Bedürfnissen der Frauen* orientieren. Von Achtsamkeit und Selbstfürsorge über den Umgang mit Konflikten, Kekse backen und spielen oder das Erlernen von digitalen Kompetenzen ist alles dabei.
Ziel des Projekts ist es, den Frauen* kulturelle und soziale Teilhabe zu ermöglichen, Selbstwirksamkeit zu stärken und vorhandene Selbsthilfepotenziale sichtbar zu machen. Gleichzeitig geht es ganz konkret um existenzielle Fragen wie das Finden und Sichern von Wohnraum oder die Jobsuche. Das Projekt ist langfristig angelegt und läuft noch bis September 2029, denn es braucht Zeit, Stabilität aufzubauen und einen verbindlichen, vertrauten Raum zu schaffen. Gerade in den ersten Monaten stand genau das im Mittelpunkt: gemeinsame Regeln zu erarbeiten und soziale Prozesse auszuhandeln.
Inzwischen hat sich das Angebot als fester Bestandteil etabliert, auch wenn Verlässlichkeit im Alltag der Teilnehmerinnen immer wieder eine Herausforderung bleibt. Es ist eine ruhige, offene und wertschätzende Atmosphäre entstanden, in der Gespräche möglich werden, für die im oft belastenden Alltag sonst wenig Raum bleibt. Es wird über politische Ereignisse diskutiert, aber auch Gefühle, Sorgen und Hoffnungen finden ihren Platz. Die Frauen* gestalten die Gruppen zunehmend aktiv mit, bringen eigene Ideen, Wünsche und Themen ein. Gleichzeitig zeigt sich, dass dieser Prozess Zeit und immer wieder Ermutigung braucht. Viele der Frauen* sind es aus ihrem Alltag gewohnt, in stark strukturierten und fremdbestimmten Systemen zu leben, in denen die existenzielle Versorgung oft im Vordergrund steht. Deshalb bleibt der Prozess bewusst flexibel und Rahmenbedingungen werden immer wieder an die Bedarfe der Teilnehmerinnen angepasst.
Gerade darin liegt die Stärke des Projekts: dass die Frauen* mit ihren verschiedenen Lebensrealitäten echt und authentisch sein dürfen, ohne Erwartungen von außen erfüllen zu müssen – und so hoffentlich etwas mehr Sichtbarkeit erfahren.
Annika Rühle
stv. Leitung Frauen*treff Sophie